"Dieser Weg ist schöner
..."
oder: Umwege lohnen sich

Nur eine Geschichte ...
„Dieser Weg ist schöner“, dachte ich...
Die zwei Touristen an der Wegkreuzung hatten sich physisch schon
ein paar Meter voneinander entfernt. Der Mann studierte noch seinen
Plan und war schon weitergegangen, die Frau blieb noch an der Gabelung
stehen, da sie sah, dass ich diesen steinigen Weg von oben her kam.
„Das ist doch kein Weg“, hörte ich den Mann sagen, jenen
steinigen Pfad meinend, an dem ich nach unten schritt, ja fast kletterte.
Trotzdem kehrte er zurück, beide studierten abermals ihren
Touristenführer, schließlich fragte mich der Mann, wo
es denn nun zu dieser berühmten Kirche ging, zu der sie offensichtlich
aufgebrochen waren.
„Ihr könnt hier oben gehen, oder unten und dann die Treppen
rauf, beide Wege führen zur Kirche. Aber dieser Weg ist
schöner“, antwortete ich.
Schöner – ein so relativer Begriff.
Nun waren sie gefangen und mussten den steilen Weg bergauf gehen,
am Abhang entlang, über das Geröll. Von der Ferne sah
ich, wie sie immer wieder stoppten und in ihren Atlas guckten. Der
Weg war steiniger, ungemütlicher, nicht präpariert, er
konnte Angst machen ob seiner Lage am Hang, und man sah keine Kirche
weit und breit, führte er doch in verworrenen Kurven am Bergschatten
entlang.
Der andere Weg, jener „unten“, der war geradlinig, selbst Geländeautos
konnten darauf fahren, er war breit, er war sicher und er mündete
schließlich direkt unter der Kirche in eine steile, aber breite
und sichere Treppe.
„Dieser Weg ist schöner“. Wenn es darum ginge, welcher Weg
denn nun als Weg optisch schöner sei, dann gab es gar keine
Frage. Der obige Weg war ja nichtmal ein Weg. Wenn es darum ginge,
welcher Weg schneller und direkter zum Ziel führen sollte,
auch dann war der untere Weg der bessere Weg. Wenn es jedoch darum
geht, den Weg zu gehen und die Erfahrung des Weges zu machen, überhaupt
irgendeine Erfahrung zu machen, dann gab es eben für mich gar
keine Frage, dass der steinige Weg der interessantere war. Überhaupt
der einzige, den es sich zu gehen lohnte, alleine schon ob jener
Schönheit, die man nur empfindet, wenn man ihn beschreitet.
Die Kirche sahen sie erst im allerletzten Moment, nach der allerletzten
Kurve, als der Weg auch schon endete. Vor dieser Kurve war der Mann
ein letztes Mal stehen geblieben, in seine Mappe schauend. Die Frau
war nun schlussendlich vorausgegangen, rief ihn von der anderen
Seite, und er hatte keine Chance mehr, umzukehren. Beide betraten
sie den Platz der Kirche, diesen wunderschönen Aussichtspunkt,
gleichsam Zentrum des ganzen Tals, und genau in dem Moment, als
sie vor den Toren standen, erklangen die Glocken zum Schlage der
vollen Stunde.
Aus einem ursprünglichen Ausflug wurde so eine Erfahrung,
und das Ziel wurde zu mehr, als nur einem simplen Gebäude.
Alle Wege führen nach Rom – doch mancher Weg ist schöner.
Vielleicht auch länger, Gott Sei Dank.
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